Kelly Eddington

23.01.2021

US-Künstlerin malt Cartoon nach Idee eines Ueterseners

Uetersen Der Abstand von 7200 Kilometern zwischen Missouri/USA und Uetersen spielte bei diesem Projekt keine Rolle. Die preisgekrönte amerikanische Aquarellmalerin Kelly Eddington und Jan-Hendrik Frank, Redakteur der Holsteiner Allgemeinen, entwickelten gemeinsam einen Cartoon über die Rockband U2, der 1990 in Berlin spielt. Der 48-Jährige schrieb in Uetersen die Geschichte, auf deren Basis die Künstlerin Anfang Januar in Missouri mit Zeichenstift, Aquarellfarben und Tinte die Bilder malte. Begegnet sind sich die Amerikanerin und der Deutsche nie. Was sie an einen gemeinsamen virtuellen Schreibtisch führte, ist ihre jahrzehntelange Begeisterung für die Band und ein unvergessliches Erlebnis des Redakteurs in seiner Jugend.

Kelly Eddington malt seit 2002 U2-Musiker

Im Oktober 1990 lief ihm in Berlin eine seltsame Gruppe über den Weg: vier Männer mit schwarzen Hüten, angeklebten weißen Bärten und beigefarbenen Mänteln. Im Lauf der Jahre verdichtete sich sein Verdacht, dass es sich um U2 handelte. Als er das Erlebnis aufgeschrieben hatte, stieß er im Internet auf Kelly Eddington. Sie malt in Aquarell realistische Porträts, Stillleben und Landschaften sowie Cartoons der U2-Musiker. Die Künstlerin zeigte sich begeistert von der Idee, die Geschichte des Ueterseners bildlich umzusetzen.

„Ich habe diese verkleidete Bande lebendig vor Augen“

Jan-Hendrik Frank schreibt: Die Erinnerung an vier seltsam verkleidete Kerle, die mir im Oktober 1990 in Berlin über den Weg liefen, schlummerte fast 30 Jahre in meinem Hinterkopf. Im Corona-Jahr 2020 fand ich die Muße, das Erlebnis aufzuschreiben. Ein Jahr später verwandelte die amerikanische Aquarellkünstlerin Kelly Eddington meine Geschichte in einen Cartoon, der heute in unserer Zeitung zu lesen ist.

U2-Fan von Jugend auf

Für die Rockband U2 begeistert sich die Künstlerin Kelly Eddington von Jugend auf. Seit 2002 malt sie die Musiker. Zwei ihrer U2-Gemälde hängen im Little Museum of Dublin, der Heimatstadt der Band. Weitere Cartoons, Illus-trationen und Texte über U2 zeigen sie und ihre New Yorker Freundin PJ DeGenaro unter www.achtoonbaby.com.

Fünf Geschichten, vier sind wahr

Dort ist auch die Bildergeschichte über mein Erlebnis zu sehen (Episode +01). Sie reiht sich in eine fünfteilige Cartoon-Serie mit einem gemeinsamen Thema ein: Fans berichten, wie sie den Rockstars unvermutet im Alltag begegneten und was sie dabei Ungewöhnliches erlebten. In einem Restaurant machte Gitarrist The Edge zum Beispiel seine Tischnachbarn glauben, dass er einen Kirschstängel im Mund mit der Zunge verknoten könne. Eine der fünf Geschichten hat Eddington frei erfunden. Die Betrachter sollen raten, welche echt sind.

 

War das wirklich U2? Fünf Argumente

Wie komme ich auf die Idee, dass sich hinter den falschen Bärten gerade die U2-Mitglieder verbargen? Fünf Argumente:

  1. Die Band hielt sich Anfang Oktober 1990 in Berlin auf, um an ihrem Album „Achtung Baby“ zu arbeiten.
  2. Alle vier Musiker sind fast einen Kopf kleiner als ich – wie die Verkleideten damals.
  3. Die Band war weltberühmt und hatte Grund, im Oktober 1990 nicht auf der Straße erkannt zu werden: U2 musste sich musikalisch neu erfinden, um nicht in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Dazu konnte die Band keinen Rummel gebrauchen. Das Wagnis gelang übrigens. Das in Berlin begonnene Werk gilt heute als Meilenstein ihrer Karriere. Im kommenden November wird das Album „Achtung Baby“ 30 Jahre alt.
  4. Auf dem Vorgängeralbum „Rattle & Hum“ veröffentlichte U2 eine Aufnahme von Straßenmusikern. Das Interesse an Straßenmusik war also gegeben.
  5. U2 ist nicht nur eine Band, sondern eine Bande von Schulfreunden, die für ihren freundschaftlichen humorvollen Umgang untereinander bekannt ist. Genau das habe ich an der Gruppe von vier verkleideten Männern Anfang Oktober in Berlin beobachtet.
Künstlerin aus Missouri/USA

23.01.2021

Kelly Eddington fertigt realistische Aquarellgemälde an

Foto: Kelly Eddington im Selbstporträt. (Aquarell: Kelly Eddington)
Foto: Kelly Eddington. (privat)

Kelly Eddington studierte an der Western Illinois University Malerei und Zeichnen sowie an der University of Illinois in Urban-Champaign Kunstpädagogik. 17 Jahre unterrichtete sie an Schulen das Fach Kunst. Seit 2010 arbeitet sie vollzeitlich als Künstlerin. Die 51-Jährige fertigt anhand von Fotos realistische Aquarellgemälde an: Porträts und Stillleben von Schmuck sowie anderen kleinen Objekten, sowohl natürlichen als auch künstlichen Ursprungs. Sie stellte in den USA, in China sowie Brüssel aus und wurde vielfach ausgezeichnet. www.kellyeddington.com

Die Geschichte hinter dem Cartoon

23.01.2021

Näher kann man seinen Stars nicht sein

Foto: Jan-Hendrik Frank (privat)

An einem Abend im Oktober vor 30 Jahren begegnete ich in Berlin vier Typen mit angeklebten Bärten. Jahre später dämmerte mir: Dank des Mauerfalls und der Anziehungskraft, die die Stadt in den folgenden Monaten entwickelt hatte, war ich wohl den Helden meiner Jugend über den Weg gelaufen.

Von Jan-Hendrik Frank

Vier Männer mit schwarzen Hüten, weißen angeklebten Bärten und beigefarbenen Trenchcoats tauchen plötzlich neben mir auf, linkerhand, einer gut zwei Meter entfernt, die anderen an seiner linken Seite dicht neben ihm. Anfang Oktober 1990 in Berlin. Auf einem breiten Bürgersteig bilden diese Typen, zwei oder drei andere Passanten, mein bester Freund und ich einen ausgefransten Halbkreis vor einem dunklen Schaufenster.

Ein Straßenmusiker

Es ist Abend. Die Dämmerung ist lange hereingebrochen. Die Geschäfte sind geschlossen. Straßenlaternen leuchten. Ihr Licht bricht sich in dem Schaufenster. Davor sitzt in der Mitte unseres Halbkreises ein Straßenmusiker auf einer bunten Decke. Er spielt Gitarre und singt. Mein Freund und ich sind 18 Jahre alt. In unserer Heimat Hessen haben die Herbstferien angefangen. Wir sind zum ersten Mal in unserem Leben nach Berlin gefahren. Neugierig und ohne Ziel streunen wir an diesem Abend vom Bahnhof Zoo aus durch die Straßen.

Ein kurioser Aufzug

Gegenüber der Gedächtniskirche unter den Arkaden des Bikini-Hauses stoßen wir auf den einsamen Musiker und bleiben stehen. Vor seiner Decke liegt ein umgedrehter Hut mit wenigen Münzen. Wir haben höchstens ein Lied gehört, als die vier Typen erscheinen. Sind sie denselben Weg gegangen wie wir? Kaum habe ich sie bemerkt, kann ich meine Augen nicht mehr von ihnen abwenden. Wahrscheinlich starre ich sie an, ohne es zu merken. Ihr Aufzug ist zu kurios.

Verborgen hinter angeklebten weißen Bärten

Unter den schwarzen Hüten und weißen Vollbärten verbergen sich keineswegs dickbäuchige Greise. An ihren Bewegungen ist zu erkennen, dass es sich um junge schlanke Männer handelt. Sie wippen leicht hin und her, während sie ihre Hände in den Taschen der Trenchcoats vergraben. Ihre weißen Bärte scheinen aus einem Laden für Weihnachtsmannkostüme zu stammen. Alle vier sind kleiner als ich. Sie sehen aus, als wären sie hastig zu einem Sherlock-Holmes-Fan-Treffen aufgebrochen und hätten die erstbesten Kostüme übergestreift.

Sie kichern wie Schuljungen

„Guck mal“, flüstere ich meinem Freund zu. „Ja, schräg“, antwortete er. Die Männer stehen Schulter an Schulter und hören dem Straßenmusiker zu. Zwei oder drei Mal dreht einer dem anderen den Kopf zu, raunt eine Bemerkung. Dann kichern sie wie Schuljungen. Einmal macht einer einen tänzelnden Schritt nach vorn und zurück. Sie haben ihren Spaß.

Zwei Begleiter behalten alles im Blick

Das Quartett fällt umso stärker durch seine Begleiter ins Auge. Diese unterscheiden sich in jeder Hinsicht von den vieren. Ein Mann und eine Frau in Blousonjacken, Jeans und Turnschuhen stehen dicht hinter den Trenchcoat-Weihachtsmännern und überragen diese um Kopfeslänge. Die beiden sportlichen Gestalten hören sicherlich jeden Scherz, den die Vier in ihre falschen Bärte murmeln, kichern aber nicht mit. Stattdessen spähen die Aufpasser mit teilnahmslosen Minen über die schwarzen Hüte hinweg, mal hierhin, mal dorthin. So plötzlich die Weißbärte und ihre Späher aufgetaucht sind, so rasch treten sie den Abzug an. Mitten im Lied kehren sie auf ihren Absätzen um. Stumm gehen sie zügigen Schrittes in die Richtung, aus der sie gekommen sein müssen. Vorn die vier, dahinter ihre Bewacher. Haben diese zum Aufbruch gedrängt, weil ich sie angestarrt habe und die Verkleidung aufzufliegen drohte?

Eine kurze Verfolgungsjagd

„Komm“, raune ich meinem Freund zu. „Ich will wissen, was mit denen los ist.“ Wir treten die Verfolgung an, immer im Abstand von zirka 100 Metern. Es geht an der Gedächtniskirche vorbei zum Bahnhof Zoo. Dort verlieren wir die Gruppe aus den Augen. Sie verschwindet zwischen hellgrauen Reisebussen auf dem Bahnhofsvorplatz. Mein Freund und ich warten für ein paar Minuten. Wir recken die Köpfe und versuchen, die Unbekannten zwischen den Bussen zu erkennen. Aber sie tauchen nicht wieder auf.

Die Erkenntnis kommt Monate später

Im Abstand von einigen Jahren erinnere ich mich immer mal wieder an dieses Erlebnis: An Heiligabend 1991 halte ich das frisch veröffentlichte U2-Album „Achtung Baby“ in den Händen. Beim Blättern durch das CD-Heft fallen mir Schwarz-Weiß-Fotos der Band auf, die vor der Kulisse Berlins entstanden waren. Ich lese, dass das Album unter anderem dort aufgenommen worden war. Sollte es sich bei den vier Weißbärten um Bono, The Edge, Adam und Larry gehandelt haben?

„Wir müssen weggehen und uns alles wieder ausdenken.“

1976 hatten sie sich als Schüler in Dublin zu einer Band zusammen-geschlossen. In den 1980er-Jahren stiegen sie zu internationalen Stars auf. Ihre Platte „The Joshua Tree“ von 1987 verkaufte sich mehr als 18 Millionen Mal. Zwei Jahre später hatten die Musiker das Gefühl, musikalisch in eine Sackgasse gelandet zu sein. In einem Konzert am 30. Dezember 1989 in Dublin kündigte Sänger Bono eine Pause an: „Wir müssen weggehen und uns alles wieder ausdenken.“

„Wenn du spielen willst – nur zu!“

U2 wollte sich neu erfinden. Wo ginge das besser als in Berlin, der pulsierenden Stadt im Aufbruch, elf Monate nach dem Mauerfall? Vor 30 Jahren, am 3. Oktober 1990, landet die Band in Ost-Berlin. In den Hansa-Studios versucht sie den Neuanfang. Es kommt zu Spannungen. Bassist Adam Clayton soll Bono eines Tages wütend sein Instrument in die Hand gedrückt und gesagt haben: „Wenn du spielen willst – nur zu!“ Das Ergebnis dieses schwierigen Prozesses ist das Album „Achtung Baby“, ein Meilenstein in der Bandgeschichte.

Fanrummel würde nur stören

1990 weiß kaum jemand, dass sich U2 in Berlin aufhält. Am Scheideweg zwischen Absturz und Comeback will die Superband wahrscheinlich unerkannt bleiben. Fan-Rummel würde den Versuch der Neuerfindung stören. Zugleich sind die Musiker sicherlich nach Berlin geflogen, um sich von dem geschichtsträchtigen Studio und der Stadt inspirieren zu lassen. Was liegt näher als ein Ausflug in das Nachtleben unter dem Schutz einer hastig zusammengesuchten Verkleidung und in Begleitung von Bodyguards?

Abschied vom Image der Ernsthaftigkeit

Natürlich kann unter den Hüten jeder gesteckt haben: Spaßvögel, die Gesellschaft eines Junggesellenabschieds, Schauspieler bei einem Selbstversuch auf freiem Feld. Kurioserweise treffen diese drei Beschreibungen auf die Band im Oktober vor 30 Jahren zu. U2 verabschiedete sich von dem Image der tief ernsthaften Rockband und setzte vermehrt auf tanzbare Rhythmen. „Wir fällten den Joshua Tree“, sagte Bono rückblickend. Das Schauspiel gehört schon immer zur Rockmusik. Bono stellte es ab den 1990er-Jahren in den Vordergrund und schlüpfte auf der Bühne in erkennbare Rollen wie „The Fly“ und „McPhisto“.

„Sie sind kleiner als ich“

In den folgenden zehn Jahren denke ich nicht mehr an das Erlebnis, bis ich einen einigermaßen funktionierenden Internetanschluss besitze. Auf der Suche nach meiner Lieblingsband stolpere ich über eine Liste ihrer Körpergrößen. Auf Fotos hatten die Superstars immer riesig ausgesehen, aber tatsächlich sind Bono und seine Freunde 1,68 bis 1,78 Meter groß und damit gut einen Kopf kleiner als ich – wie die Weißbärte damals in Berlin.

Je mehr Zeit verstrich, umso stärker glaubte ich, dass ich meine Lieblingsband getroffen hatte, ohne sie zu erkennen.

In den sozialen Medien kursieren heutzutage viele Handyvideos, auf denen zu sehen ist, wie die Musiker von Menschentrauben umringt werden und Autogramme geben. Das war für mich vor 30 Jahren ein unerreichbares Ziel. 1989 gastierte U2 für drei Abende in der Dortmunder Westfalenhalle – die einzigen Auftritte der Vier in Deutschland in dem Jahr. Ich konnte mir den Konzertbesuch nicht leisten.

Der Zufall und das Interesse an Musik

Zehn Monate später stand ich in Berlin neben ihnen, nicht als Fan, sondern als Zuhörer neben Zuhörern. Ich hatte ihre Nähe nicht gesucht. Sie waren ebenso ziellos herumgestreunt wie mein Freund und ich. Der Zufall und das Interesse an Musik hatten uns für Sekunden vor demselben Gitarrenspieler innehalten lassen, neugierig auf das, was kommt. Näher kann man seinen Stars nicht sein.