Interview

12.01.2021

Propst Thomas Bergemann: Kirche muss sich auf Zeit nach Corona vorbereiten

Foto: Thomas Bergemann ist seit 2005 Propst des Kirchenkreises Rantzau-Münsterdorf. Er sieht die Kirche vor neuen Aufgaben. (Rainer Strandmann)

Elmshorn Was macht Corona mit der Kirche, Herr Propst? Keine Gottesdienste von Weihnachten bis 10. Januar: Gab‘s für diese Empfehlung von Propst Thomas Bergemann Kritik? Muss Kirche sich ändern? Was sind die Aufgaben in diesem Jahr? Redakteur Thomas Claaßen fragte nach. Ein Gespräch mit dem Chef von rund 55 Pastorinnen und Pastoren des Kirchenkreises Rantzau-Münsterdorf über Gott und die Welt.

Herr Bergemann, vor Weihnachten hatten Sie die Empfehlung ausgesprochen, auf Gottesdienste bis zum 10. Januar zu verzichten. Gab es dafür Kritik?

Überraschenderweise nicht eine einzige. Es gab einige unterstützende Mails, aber bei mir kam nicht eine einzige negative Rückmeldung an. Ich weiß aber, dass in einigen Kirchengemeinderäten zum Teil kontrovers und auch mit einer gewissen Traurigkeit diskutiert wurde.

Wie wird es dann mit Gottesdiensten ab dem 11. Januar weitergehen?

Das ist uneinheitlich. Ich weiß von vielen Pastoren, die gesagt haben, dass sie ab dem 17. Januar unter Berücksichtigung der Auflagen wieder Gottesdienste anbieten werden. Es gibt auch einige, die für sich gesagt haben, dass sie angesichts des Lockdowns auf Gottesdienste verzichten.

Was würden Sie empfehlen?

Ich bin noch unentschlossen, weil es an „normalen“ Sonntagen nicht so ist, dass die Gottesdienste von Besuchern geflutet würden. Das sieht an Feiertagen schon anders aus.

Haben Sie seit Beginn der Pandemie ein anderes Bedürfnis nach Gottesdiensten wahrgenommen?

Einen Wandel, will ich mal sagen. Es sind andere Leute gekommen, die man sonst noch nicht so häufig gesehen hat. Es gibt aber auch eine bestimmte Gruppe, die nicht gekommen ist, weil es ihnen zu unsicher war. Das sind insbesondere hochaltrige Menschen. Von der Zahl her hat es keine gravierenden Veränderungen gegeben. Am ersten Sonntag nach dem ersten Lockdown gab es aber eine deutlich höhere Zahl an Besuchern, die wollten auch ein Zeichen setzen. Pastoren, die nur bei Gottesdiensten und zu Sprechzeiten Präsenz zeigen? „Das wäre der Tod im Topf.“

Erreichen Sie durch Streams auf Youtube und Gottesdienste zum Mitnehmen andere Menschen? Muss die Kirche auch ihr Ansprechen ändern?

Ganz sicher, es gibt gerade einen Digitalisierungsschub bei Kirchen. Es gibt aber auch einen Push bei klassischen Angeboten von Kirche. Es bilden sich gerade Netzwerke von Gemeinden, die weiter voneinander entfernt liegen. Da wird der Gottesdienst in einer kleinen Gemeinde zum Beispiel ehrenamtlich gehalten, und die Predigt wird von einer anderen Gemeinde gestreamt oder eingespielt. Das wird gerade getestet und ist eher ein Blick in die Zukunft, wenn nicht mehr alle Stellen besetzt sein werden. Aber es läuft, die Onlineangebote werden viel geklickt, die Nachfrage ist da. Dieser kreative Umgang mit der Notsituation, die wir durch Corona haben, tut der Kirche ganz gut. Es entwickelt sich etwas, und ich hoffe sehr, dass die Kirche dranbleibt, denn es ist für uns eine Chance, mehr und andere Menschen zu erreichen.

Was macht Corona mit der Kirche, mit dem Glauben der Menschen?

Das ist eine spannende Frage, weil ich erwartet habe, dass thematisiert wird: „Was hat Corona mit dem Glauben zu tun?“– aber ich nehme es in einer breiten theologischen Auseinandersetzung nicht wahr, obwohl sich die Frage aufdrängt. In Einzelgesprächen sehr wohl, da setze ich mich auch mit auseinander, wenn mich zum Beispiel jemand anspricht und fragt, wie er damit umgehen soll, dass er an Weihnachten nicht zu seinem Vater ins Altenheim darf. Ich stelle auch fest, und das habe ich unterschätzt, dass die Menschen leiden, weil sie nicht singen dürfen. Weihnachten nicht „O du Fröhliche“ singen zu dürfen, klingt banal, ist aber für viele Menschen ein Hammer. Die theologische Auseinandersetzung damit, was es mit den Menschen macht, dass die sozialen Kontakte fehlen, dass man nicht singen darf, dass Gottesdienste in anderer Form stattfinden, ist nicht da.

Spiegelt sich denn eine Tendenz in Zahlen wider? Gibt es mehr Kirchenaustritte oder -eintritte? Man sollte ja meinen, dass in Zeiten einer Krise die Kirche besonderen Halt geben müsste.

Im Moment zumindest nicht. Ich habe das Gefühl, dass viele quasi wie unter einer Glocke sind und erst wieder anfangen möchten konzeptionell zu denken, wenn wir wieder klar sehen können. Aber die Nähe von Kirche wird generell anders wahrgenommen. Die Nähe macht sich meiner Meinung nach nicht fest an Mitgliedszahlen, so wichtig sie auch sind, sondern sie macht sich fest an den jeweiligen Personen. Zum Beispiel Pastoren müssen in der Gemeinde präsent sein und wahrgenommen werden und nicht nur zu Sprechzeiten im Pastorat sitzen. Das wäre der Tod im Topf. Es gibt eine Minderheit, die nimmt es zum Beispiel hin, dass sich immer weniger Menschen kirchlich bestatten lassen. Das ist fatal. Wenn es uns als Kirche nicht gelingt, zumindest die eigenen Mitglieder mit Kirchenangeboten zu konfrontieren, dann läuft da was schief. Es muss doch klar sein, wofür Kirche steht, und diese Angebote müssen wir transportieren. Und da müssen gerade wir als Pastoren authentisch sein. Dazu zählt auch der Umgang mit Fehlern, mit Schuld, mit Bruch. Darauf müssen wir persönliche Antworten finden, die sich nicht in Glaubensbekenntnissen fangen lassen. Das macht die Relevanz und die Nähe von Kirche aus. Kirche muss ins Gespräch kommen. Auch mit Querdenkern.

Wenn die Menschen wieder aus, wie Sie es nennen, ihrer Glocke heraus sind – muss sich die Kirche darauf vorbereiten?

Massiv vorbereiten! Das passiert bislang in vielen Einzelgesprächen, aber das muss auch auf eine breite theologische Basis gestellt werden. Meiner Meinung nach müssen sich Pastoren darüber austauschen, wie in den Gemeinden mit „Glaube und Corona“ umgegangen wird. Wir müssen uns auch mit der Frage beschäftigen: Was ist unsere Antwort auf die Querdenker? Um darauf eine Antwort zu finden, müssen wir auch mit denen ins Gespräch kommen, sie zumindest dazu einladen. Ich möchte hören, was sie bewegt, und verstehen, warum sie nicht im Blick haben, dass die Welt um sie herum eine andere ist als ihre Welt. Wir dürfen als Kirche keine Gruppen verlieren. Ich möchte, dass Kirche mit allen Bevölkerungsschichten im Diskurs bleibt, so die Menschen das wollen. Unsere Aufgabe ist es nicht, auszugrenzen, sondern einzuladen.

Welche Aufgaben warten konkret auf den Kirchenkreis Rantzau-Münsterdorf?

Ein großes Thema wird die Finanzsatzung sein. Wir haben deutlich weniger Kirchensteuerzuweisungen und müssen richtig sparen. Da gibt es erste Vorschläge, die wir Ende Januar und Ende Februar in zwei Synodentagungen durchgehen. Ein zweiter Punkt ist der Umgang mit der geringer werdenden Zahl von Pastorinnen und Pastoren, wenn wir in zehn Jahren ungefähr 30 bis 35 Prozent weniger Pfarrstellen besetzt haben. Und dritter Punkt: Was passiert mit unseren Gebäuden? Wir werden nicht alle unsere Gebäude halten können, das steht fest. Da kommen wir gerade ins Gespräch, das ist schon sehr ermutigend angelaufen. Da geht es beispielsweise um Kirchen, Gemeindehäuser, Pastorate, Kindertagesstätten, Friedhofskapellen und um die Frage, wer bei eventuellen Verkäufen wie viel der Erlöse erhält. Oder wie Gebäude anders wirtschaftlich genutzt werden können. Das wird alles zusammen eine große Aufgabe für uns und ein zentrales Thema sein.

(Thomas Claaßen)