Corona und das permanente Lebensrisiko

Interview mit Catrin Tzaribachev, ärztliche Leiterin des Steinburger Gesundheitsamts

Catrin Tzaribachev hat Anfang des Jahres die Leitung des Steinburger Gesundheitsamtes übernommen. Sie ist Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin. (Foto: Thomas Claaßen)

Itzehoe (tc) Wie aussagekräftig ist der Inzidenzwert eigentlich noch? Wie steht's um Tests und Maskenpflicht an Schulen? Warum und wie schützt eine Impfung auch andere? Redakteur Thomas Claaßen hat darüber mit der ärztlichen Leiterin des Steinburger Gesundheitsamtes, Catrin Tzaribachev, gesprochen. Sie ist zudem Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin.

Wie sieht die Corona-Lage aus?

Wir haben ein diffuses Ausbruchsgeschehen, es lässt sich keinen bestimmten Ereignissen zuordnen. Die Infektionen passieren im privaten Umfeld, hauptsächlich im familiären. Ist einer mit Corona infiziert, bekommen es in der Regel die anderen im Haushalt auch, das kennen wir bereits von der Alpha-Variante. Je nachdem, wie groß die Familie ist und wie viele Familien gerade betroffen sind, schlägt sich das entsprechend auf den Inzidenzwert nieder, deswegen halte ich es für nicht mehr ausreichend, bloß auf diesen Faktor zu schauen. Wichtiger ist im Rahmen des Impffortschritts die Hospitalisierungsrate sowie die Rate an Covid-belegten Intensivbetten mit einfließen zu lassen Die Anzahl schwerer Verläufe sollte ausschlaggebend für mögliche Einschränkungen sein.

Wer sind die Patienten?

Hauptsächlich handelt es sich um nicht geimpfte Personen ab Mitte, Ende 20 und um die 40.
Wie sieht es aus mit Impfdurchbrüchen, also Menschen, die doppelt geimpft sind?
Ja, die gibt es auch. Es betrifft aber meist ältere Menschen oder jene mit einem schwächeren Immunsystem. Weiterhin fällt eine Häufung der Infektionen von Geimpften innerhalb einer Familie auf, wenn ein Ungeimpfter innerhalb der Familie erkrankt. Und sie haben, was wir beobachten, nur leichte Verläufe und keine schweren. Deshalb sollte bei besonders gefährdeten Personen ein Booster erfolgen.

In Israel gelten 60 Prozent der Corona-Patienten im Krankenhäusern als doppelt geimpft …

Das ist richtig, aber insgesamt ist die Zahl der Hospitalisierungen dort niedrig und auch dann muss man gucken, weswegen die Patienten eigentlich im Krankenhaus sind und wogegen sie behandelt werden. Schwere Verläufe sind auch dort die Ausnahme und spielen sich in der Gesamtheit der Geimpften im Promillbereich ab. Wie viele der doppelt Geimpften landen den nicht im Krankenhaus? Es ist Fakt, dass eine Impfung bestmöglich davor schützt, schwer zu erkranken. Weder akut noch an Folgeerkrankungen wie Long Covid.

Also schützt eine Impfung doch in erster Linie mich und nicht die anderen?

Die Impfung hat die Ansteckungsfähigkeit bei der Alpha-Variante extrem gesenkt, das sieht bei der jetzt vorherrschenden Delta-Variante anders aus. Auch Geimpfte können eine hohe Viruslast in sich tragen, aber nach allem, was wir wissen, ist die Dauer der Ansteckungsfähigkeit bei Geimpften verkürzt. Und wir schützen auch andere, indem wir uns vor schweren Verläufen schützen und in den Kliniken keine Betten, Maschinen und vor allem Personal binden. Wir dürfen nicht vergessen, dass die anderen schweren Erkrankungen ja nicht weniger geworden sind, insofern schützt eine Impfung direkt mich selbst, indirekt aber auch andere. Und es schützt vor einem weiteren Lockdown.

Bund und Länder haben mit der neuen 3G-Regelung Druck auf Ungeimpfte aufgebaut. Zeigt das schon Wirkung?

Ja, das bekommen wir sowohl von unserem Impfzentrum mit als auch von den Kinderärzten. Im Itzehoer Impfzentrum sind die offenen Impfaktionen diese Woche um zwei Tage verkürzt, weil die schon mit Terminen voll sind. Und seit die STIKO (Ständige Impfkommission, Anm. d. Red.) letzte Woche die Impfempfehlung für Kinder ab zwölf Jahren geändert hat, nimmt die Zahl der Impfungen deutlich zu. Leider hat die Empfehlung sehr lange gedauert, obwohl ja schon Millionen von Kindern in den USA geimpft worden sind und ausreichend Daten vorgelegen haben.

Ab sofort sollen die Booster-Impfungen für die vulnerablen Gruppen anlaufen, auch für diejenigen, die Vektorimpfungen erhalten haben. Mindestens sechs Monate sollen zwischen der Zweit- und der Drittimpfung liegen, jetzt sind es schon acht. Sind wir spät dran, auch im Hinblick auf die Impfdurchbrüche bei älteren Personen?

Zwischen der STIKO und der Politik hat es leider ein ziemliches Gerangel gegeben, was die Impfung der Kinder ab zwölf Jahren angeht. Damit ist wichtige Zeit verloren gegangen, daher sollten die vulnerablen Gruppen jetzt bald ihre dritte Impfung erhalten sowie möglichst einfache Impfangebote für Kinder- und Jugendliche ab zwölf Jahren angeboten werden. Impfungen in den Schulen mag für einige ungewöhnlich sein, früher wurden jedoch regelmäßig die Kinder in den Schulen untersucht und geimpft. Viele Erwachsenen können sich bestimmt daran erinnern. Weiterhin können die offenen Impfaktionen des Impfzentrums ohne Termin genutzt werden.

Auch in den Schulen kommt es zu Neuinfektionen. Wie bewerten Sie diese Situation?

Kinder und Jugendliche stecken sich insgesamt vermehrt an. Das ist nicht zu vermeiden, denn überall, wo Menschen zusammentreffen, gibt es auch das Virus. Eine Durchseuchung findet zunehmend statt. Dieser Begriff ist für alle Eltern beängstigend, jedoch im Rahmen der Pandemie nicht vermeidbar. Selbst ein erneuter Lockdown würde das Infektionsgeschehen zwar verlangsamen, aber nicht verhindern. Wir können das Virus nicht wegsperren. Wir können aber durch Hygienemaßnahmen die Geschwindigkeit bremsen. In den Schulen werden positive Fälle erkannt, ja, aber nicht oder nur ganz selten weitergegeben. Schulen und Kindergärten sind und waren keine Pandemietreiber. Die Kinder und Jugendlichen tragen die Infektionen von außen ein. Wichtig ist, dass wir keine Schließungen und kein Distanzlernen mehr haben, das halten die Kinder nicht mehr durch. Deswegen nehmen wir nur noch die Indexfälle, also die positiv Getesteten aus der Klasse und im Höchstfall die direkten Sitznachbarn.

Eine Durchseuchung bei Kindern und Jugendlichen halten Sie für unvermeidbar, sagen Sie. Demnach ergibt doch die Maskenpflicht in Schulen keinen Sinn?

Die Maske sowie das regelmäßige Testen helfen, das Tempo der Virusausbreitung zu regulieren und schaffen Zeit, um möglichst viele zu impfen. Weiterhin muss bedacht werden, das für Kinder unter zwölf Jahren in absehbarer Zeit kein Impfstoff zur Verfügung stehen wird, so dass hier die unvermeidbare Durchseuchung früher oder später stattfinden wird. Nach allen bisherigen Erkenntnissen stellt eine Coronainfektion bei Kindern und Jugendlichen im Vergleich zu anderen bekannten Infektionskrankheiten kein erhöhtes Risiko dar. Insbesondere bei Kindern unter zwölf Jahren, für die keine Impfung zur Verfügung steht, muss ein Gleichgewicht zwischen gesunder psychosozialer Entwicklung und Hygienemaßnahmen gefunden werden, weshalb ich einer Aufhebung der Maskenpflicht gerade im Grundschulbereich nicht abgeneigt bin.

Was sagen Sie Impfskeptikern?

Denen sage ich, dass es ihre eigene Verantwortung ist, wenn sie schwer an Covid erkranken und möglicherweise auch an Long Covid leiden. Wir sind doch permanent einem Lebensrisiko ausgesetzt. Jedes Mal, wenn wir uns ins Auto setzen, aufs Fahrrad, Sport machen oder einfach am Leben teilhaben. Das Risiko einer Impfung ist da im Vergleich gen Null. Wer das Werkzeug der Pandemiebekämpfung – die Impfung – nicht nutzt, muss weiter mit Einschränkungen leben. Ein negativer Test ist nicht gleichzusetzen mit einer Impfung, daher läuft es im Endeffekt auf eine 2G-Regelung hinaus, denke ich.

Ab dem 11. Oktober werden Schnelltests kostenpflichtig; könnte sich das Testen Ihrer Ansicht nach bald ganz erledigen?

Um Zugangsberechtigungen zu Veranstaltungen zu erlangen, ist auch eine Testung von Gesunden zu erwägen, um die Sicherheit zu erhöhen. Bei zunehmenden Impfungen der Schüler sowie bisher hoher Impfrate der Lehrer und zunehmender Impfung der Risikobevölkerung sollte die regelmäßige Testung innerhalb der Schulen aber beendet werden können. Zumal es seit der Delta-Variante kaum noch asymptomatische Fälle gibt. Wenn heute jemand einen Schnupfen und Halsweh hat, können wir schon fast davon ausgehen, dass es Corona ist. Wir müssen halt lernen, mit dem Virus zu leben. Es wird nicht weggehen.

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