Elmshorn (jhf) „Die Bahnhofsmission ist arschkalt“, sagt deren Leiterin Anna Federmann vom Diakonischen Werk Rantzau-Münsterdorf. Die dunkelbraun lackierte Rippenheizung des Kabuffs im Elmshorner Bahnhof läuft zwar. „Aber die powert nicht so doll.“
Wärme entweicht tagsüber
Das Thermometer auf dem Schreibtisch zeigt am Donnerstag gegen 8.50 Uhr 12,7 Grad, etwa 20 Minuten später noch 11,8 Grad an. Die über Nacht angestaute Wärme entweicht langsam in die Bahnhofshalle und durch die gut zwei Zentimeter hohen Spalten unter den Eingangstüren auf den Holstenplatz, durch die Hintertüren auf das Bahnhofsareal. Federmann und ihre Kollegin Susanne Eulrich tragen im Büro Daunenjacken, Westen und Schals, Federmann außerdem eine Mütze. Anders halten sie die Vier-Stunden-Schicht nicht aus. Sie dürfen nur eine Standheizung anstecken. Bei jeder weiteren fliegt die Sicherung raus.
Bahnhofsmission für drei Tage ausquartiert
„Man hat Eishände und kann nicht schreiben“, stellt Federmann fest. Daher zog sie vor einer Woche die Notbremse. Sie verlegte die Bahnhofsmission für drei Tage in die warme Männernotunterkunft in der Gärtnerstraße 10. Doch am Donnerstag kehrte sie zurück. Ihre Klientel aus Einsamen, Armen, psychisch Kranken und Drogenabhängigen erreiche sie am Bahnhof einfach besser.
Umzug in Reisezentrum? Bahn macht Rückzieher
Der Raum ist nicht nur kalt, sondern auch zu klein. Kurz bevor das Reisezentrum im Mai aus dem Bahnhof in die Mühlenstraße 2 umzog, bat Federmann die Bahn daher, die Bahnhofsmission in diese Räume verlegen zu dürfen. Das Reisezentrum sei größer und „muckelig warm“. Die Heizung laufe selbst im Leerbetrieb. Doch die Schlüsselübergabe im August platzte mit der Begründung, dass der Stromverteiler zu alt sei.
Deutsche Bahn sucht nach einer Lösung
Um die Zeit bis zur Einweihung eines neuen Bahnhofs zu überbrücken, wünscht sich Federmann eine Lösung, zum Beispiel Container mit Büro, Küche und Aufenthaltsraum. „Wir haben immer wieder nachgehakt.“ Doch es blieb bei Ankündigungen, dass Bahnmitarbeiter vorbeikommen wollten. Die Deutsche Bahn teilte auf Anfrage der Holsteiner am Wochenende mit: “Leider hat sich nach dem Rückbau des DB Reisezentrums herausgestellt, dass diese Räumlichkeiten nicht nutzbar sind. Aus diesem Grund haben wir im Sommer letzten Jahres alternativ der Bahnhofsmission die Halle des Bahnhofsgebäudes zur vollumfänglichen Nutzung zur Verfügung gestellt. Wir sind ebenfalls sehr an einer Lösung interessiert, der Bahnhofsmission neue Räume zur Verfügung zu stellen. Die Gespräche mit den Beteiligten laufen. Wir hoffen sehr, dass wir hier schnellstmöglich zu einer Lösung kommen werden, denn die Arbeit der Bahnhofsmission ist von großer Bedeutung.”
Bahn öffnete Halle für fünf Nächte
Einmal kam die Deutsche Bahn der Elmshorner Bahnhofsmission in diesem Winter entgegen. Als die Wetterdienste Anfang Januar vor dem Sturmtief „Elli“ warnten, öffnete das Unternehmen im Januar die Bahnhofshalle für fünf Nächte. „Hier haben sich Leute aufgewärmt“, berichtet Anna Federmann. Doch seither ist der Bahnhof nachts wieder geschlossen. Federmann hat dafür kein Verständnis: „In allen Medien kommt der Aufruf: ,Haltet die Notunterkünfte offen!‘ Warum kann die Halle nicht einfach offen bleiben?“
Zahl der Gäste steigt
Ursprünglich kümmern sich die Bahnhofsmissionen in Deutschland um Reisende, die Hilfe beim Ein- und Aussteigen benötigen oder am Bahnsteig gestrandet sind. Diese Aufgabe steht in Elmshorn nicht mehr im Vordergrund. „Reisende haben wir auch immer mal wieder, aber das ist zurückgegangen“, sagt Federmann. Ihr Team aus zehn Ehrenamtlichen betreut vor allem Menschen, die an Einsamkeit, Armut, psychischen Krankheiten oder der Abhängigkeit von Drogen leiden. 2025 versorgte die Bahnhofsmission Elmshorn 11.234 Gäste. Das bedeutet, dass im Schnitt mehr als 50 Menschen pro Öffnungstag Hilfe, einen Ort der Wärme oder ein Gespräch suchten. „Die Zahl steigt aber“, betont Federmann. Während der vergangenen Monate zählte sie teils 70 bis 80 Gäste pro Tag.
“Wir brauchen einen neuen Raum”
Die Bahn stellt die Räume kostenlos zur Verfügung. Das Diakonische Werk Rantzau-Münsterdorf finanziert die Arbeit. Bürgerinnen und Bürger spenden immer wieder Decken und Ähnliches. „Das soziale Netzwerk in Elmshorn hält gut zusammen. Aber es reicht halt nicht: Wir brauchen einen neuen Raum“, betont Federmann. Kürzlich musste sie einen Punsch und Spieleabend in der Bahnhofshalle absagen, da das Stromnetz zu schwach ist, um den Punsch auf einer Camping-Herdplatte zu erwärmen. „Die Gäste sind enttäuscht. Wir sind enttäuscht.“
Keine Aussicht auf bessere Verhältnisse
Inzwischen hätten sich Thorsten Sielk, Geschäftsführer des Diakonischen Werks Rantzau-Münsterdorf, und die Bundesebene der Bahnhofsmissionen in den Fall eingeschaltet. Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Ralf Stegner und die SPD-Landtagsabgeordnete Beate Raudies boten bei einem Besuch Hilfe an. Gebessert hat sich noch nichts. Die Ehrenamtlichen hoffen auf den Frühling. Doch auch in der kommenden Woche sollen die Temperaturen in Elmshorn tagsüber auf höchstens zwei Grad steigen. „Wir müssen uns nochmal dicker einpacken“, sagt Anna Federmann.