Kreis Pinneberg Die Diskussion um die Chancen und Risiken Künstlicher Intelligenz (KI) ist entbrannt. Das Thema bestimmt den Wahlkampf in den USA. Klemens Kelting, 18-jähriger Schüler des Ludwig-Meyn-Gymnasiums in Uetersen, stellt eine ganz pragmatische Frage: Wann kommt im Kreis Pinneberg der autonom fahrende Linienbus?
Von Klemens Kelting
Autonom fahrende Fahrzeuge sind anderswo bereits Realität. So staunten die Chorknaben Uetersen jüngst bei ihrer Texas-Tournee über selbstfahrende Taxen in Austin. Doch wann hält diese Technologie Einzug in der Rosenstadt? Autonom fahrende Busse, die bei Bedarf bestellt werden, kämen Schülerinnen und Schülern in der Marsch sehr entgegen.
Vorbilder: Projekte ALIKE und AHOI
In den Projekten ALIKE der Hamburger Hochbahn und AHOI der vhh.mobility wird der Einsatz autonom fahrender On-Demand-Shuttlebusse in der Hansestadt getestet. Wären diese Projekte ein Vorbild für den Kreis Pinneberg? Claudius Mozer arbeitet als Leiter des Teams SVG ÖPNV-Management maßgeblich an der Planung des Busverkehrs im Kreis Pinneberg mit. Er kann sich solch einen Einsatz grundsätzlich vorstellen. „Um im Hinblick auf das Erreichen von betrieblicher und ökonomischer Marktreife voranzukommen, sind Projekte wie ALIKE der Hochbahn und AHOI der vhh.mobility hilfreich und notwendig“, sagt er. Besonders das Projekt AHOI sei für den Kreis Pinneberg naheliegend, da er gemeinsam mit den Kreisen Segeberg, Stormarn und Herzogtum Lauenburg an der vhh.mobility beteiligt ist. In die ÖPNV-Planung im Kreis Pinneberg sind autonome Fahrzeuge noch nicht einbezogen. Dafür sei die Marktreife nicht weit genug gediehen, so Mozer. Die Grundlagen für konventionelle On-Demand-Systeme seien aber gelegt – sowohl in den Nahverkehrsplänen der Kreise als auch in der hvv-On-Demand-Strategie.
Anruf-Sammel-Taxis: Umwandlung in digitale On-Demand-Verkehre geplant
Interessant werden könnte die Entwicklung aus Mozers Sicht dort, wo es bereits Anruf-Sammel-Taxis (AST) gibt – zum Beispiel in Tornesch, Barmstedt und Umgebung. Deren Umwandlung in digitale On-Demand-Verkehre der Marke hvv hop ist in diesen Orten vorgesehen. Dabei werden über die App Wünsche von Fahrgästen gesammelt, die daraufhin durch ein hvv hop-Auto abgeholt werden. „Eine anschließende Transformation zu autonomen On-Demand-Verkehren kann der nächste Schritt sein“, sagt Mozer.
Autonome Fahrzeug: Noch zu klein für den Linienbusverkehr
Autonome Shuttlebusse könnten eine Perspektive bieten, wo sich ein klassischer Linienverkehr mangels Nachfrage weniger lohnt. Grenzen habe das Modell aber dort, „wo die Nachfrage den Einsatz von Standard- und Modellbussen erfordert“, da autonome Fahrzeuge bislang nur so groß wie Kleinbusse seien. Bremsend wirken sich die Kosten aus, gerade angesichts der angespannten Haushaltslage nicht nur des Kreises Pinneberg.
hvv arbeitet an KI-Lösung für Kunden-Info und Ticketkauf
KI könnte im ÖPNV auch an anderer Stelle eine Rolle spielen. Mozer sieht Möglichkeiten bei der Kundeninformation und dem Ticketkauf. Denkbar sei die Ablösung der üblichen Apps durch KI-Lösungen. Im hvv werde bereits daran gearbeitet. Einen Prototypen einer KI namens „MIA“ stellte der hvv 2025 vor. In der eigenen ÖPNV-Planung setzt das Team SVG ÖPNV-Management bislang allerdings noch keine KI ein, erklärt Mozer.
Jurist Maximilian Nussbaum warnt vor ethischen Problemen
Klemens Kelting nahm im Juni als einer von 100 Jugendlichen an der 88. young leaders Akademie in Paderborn teil, gefördert durch das Bundesverkehrsministerium. „Angeleitet von verschiedenen Referentinnen und Referenten diskutierten wir über Zukunftsthemen wie nachhaltige Mobilität, Künstliche Intelligenz und damit verbundene ethische Fragen.“ Dr. Maximilian Nussbaum, Jurist und Experte für Digitalisierungsstrafrecht, positionierte sich zur Rolle von KI in der intelligenten Verkehrswende am Beispiel der autonomen Mobilität. Er erläuterte, dass die Ausgabe einer KI ausschließlich von den Daten abhängt, mit denen sie trainiert wird. Damit betonte er die Verantwortung des Menschen, der der KI relevante Entscheidungen im Straßenverkehr überlässt. Im Einsatz autonomer Fahrzeuge sieht Nussbaum Chancen für mehr Verkehrssicherheit und einen Mobilitätsgewinn, etwa für hilfsbedürftige Menschen. Gleichzeitig warnt er vor ethischen Problemen: eine KI besitze keine Moral und könne in kritischen Situationen nicht nach menschlichen Wertvorstellungen beurteilen. Zudem stelle sich die Frage, wer bei Fehlentscheidungen der autonomen Systeme die Verantwortung tragen würde. Grundsätzlich spricht sich Nussbaum für den Einsatz intelligenter Systeme aus, warnt aber vor vorschnellem Einsatz und der Tatsache, dass auch KI Fehler machen könne.
Kommentar: Für Nachhaltigkeit
Autonome Verkehrsmittel erfüllen Ansprüche des 11. Nachhaltigkeitsziels der Vereinten Nationen. Unter dem Titel „Nachhaltige Städte und Gemeinden“ fordert dieses den allgemeinen Zugang zu sicheren, bezahlbaren und nachhaltigen Verkehrssystemen für alle. Für die Erreichung dieses Ziels sind der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und eine bessere Verbindung zwischen Stadt und Land wichtige Bausteine. Genau hier setzen Projekte wie „ALIKE“ und „AHOI“ an: durch ihre Einbindung in den ÖPNV könnte dieser flexibler gestalten werden und gerade in ländlicheren Regionen eine individuellere Anbindung ermöglichen. Klemens Kelting