Kreise Pinneberg/Steinberg (sis) Demokratie, Finanzbildung, Lebenskunde – Schulfächer wie diese wurden in der Vergangenheit oft gefordert. „Die Gesellschaft hat sich verändert. Vieles, was früher gang und gäbe war, wird heute in den Haushalten nicht mehr vermittelt“, weiß Sylvia Frahm, stellvertretende Schulleiterin der Beruflichen Schule Elmshorn (BSE).
„Junge Menschen nutzen heute völlig zu Recht das Internet und YouTube-Formate, um sich komplexe Themen unterhaltsam und niederschwellig erklären zu lassen“, sagt der Voll-Jurist Tim Hendrik Walter. Er selbst erklärt online als „Herr Anwalt“ gesellschaftliche und politische Themen sowie rechtliche Alltagsfragen. Allein auf TikTok nutzen das 7,5 Millionen Follower.
Lebenskompetenzen vermitteln – aber wie?
Die Schulen würden einen guten Job leisten, so Walter. Das Problem liege in den veralteten Lehrplänen: „Eine Modernisierung der Lehrpläne hin zu ‚Life Skills‘ (dt.: Lebenskompetenzen) ist der Schlüssel, um die Arbeit der Schulen zukunftssicher zu machen.“
Inhalte allein in einem Schulfach zu vermitteln, sei jedoch schwierig, erklärt Sven Lange, Abteilungsleiter an der BSE: „Ich kann natürlich Unterrichtsstunden zur Demokratie machen. Aber das Entscheidende ist, dass wir mit den Schülern demokratisch umgehen. Und so gilt es in allen Bereichen, theoretische Inhalte mit praktischem Tun zu verbinden.“
Herr Anwalt: Rechtliche Grundlagen fehlen häufig
„Die Schule bereitet dich nicht auf das echte Leben vor“, heißt es in einem Video von „Herr Anwalt“. Und: „Seien wir mal ehrlich: Die meisten sind ziemlich lost.“ Zu deutsch: verloren.
Er hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, sein juristisches Wissen an sein vorrangig junges Publikum weiterzugeben: „Recht ist das Betriebssystem unserer Gesellschaft, und wer die Befehle nicht kennt, wird zwangsläufig zum Spielball anderer“, erklärt er gegenüber der Holsteiner Allgemeinen. „In meiner Praxis sehe ich oft, dass rechtliche Grundlagen komplett fehlen, was junge Leute zur leichten Beute für Fehlentscheidungen macht. Vor allem bei Schneeballsystemen, von denen die jungen Menschen plötzlich Teil sind.“
Generationsbedingte Veränderungen bemerkbar
Als stellvertretende Schulleiterin der Beruflichen Schule Elmshorn hat Sylvia Frahm täglich mit jungen Menschen zu tun, die an der Schwelle zum selbstständigen Leben stehen. Ihr ist wichtig, die Schuld für fehlendes Alltagswissen nicht der jungen Generation aufzubürden: „Die Jugendlichen können nichts dafür, wenn Basics nicht mehr vermittelt werden.“
Dass der jungen Generation konkrete Alltagskompetenzen fehlen, um erfolgreich im Beruf zu werden, fürchtet sie nicht: „Das kann man alles lernen.“ Doch Frahm nimmt durchaus generationsbedingte Veränderungen in den Lebenskompetenzen wahr: „Frustration zu ertragen und Verantwortung zu übernehmen – das hat sich verändert. Nicht nur bei den Jugendlichen, sondern auch in der Generation davor schon.“
Selbstkompetenz ist der Schlüssel
„Wir können den Jugendlichen gar nicht beibringen, was ihnen die wirkliche Berufswelt beibringen kann,“ erklärt Sven Lange, Abteilungsleiter an der BSE. „In der Schule bekommt man Noten zwischen 1 und 6. Wenn aber der Malermeister eine Tür ausliefert beim Kunden und da sind noch Lecknasen dran, dann kann der Meister nicht sagen ‚Ich habe dem Lehrling dafür auch nur eine 4 gegeben‘. Da muss man plötzlich immer eine 1 abliefern, sonst verlangt der Kunde sein Geld zurück.“
Selbstkompetenz sei daher die große Kunst, die sie den Jugendlichen beibringen möchten: „Ich brauche einen Lehrling, der das schon beim Lackieren merkt und nicht erst beim Kunden.“ Erreicht werden soll diese Selbstkompetenz unter anderem über möglichst viele Praktika: „Wir hoffen, dass die Jugendlichen da auch begreifen, dass die Arbeitswelt doch was anderes als Schule ist“, so Lange.
Besseres Lernen dank Medienvielfalt
Wo lernen Jugendliche nun, was weder in der Schule noch Zuhause vermittelt wird? Formate wie „Herr Anwalt“ zeigen, dass man sich Wissen auf unterhaltsame Weise aneignen kann. Mit dem Buch „Niemand hat mir das erklärt“ der Uetersenerin Nicole P. bietet auch eine Autorin aus unserem Verbreitungsgebiet Tipps für Alltag, Beruf und Finanzen.
Auch Walter hat das Wissen aus seinen Kurzvideos in einem Buch veröffentlicht. Und empfiehlt, das Erlernte spielerisch zu vertiefen – mit Wissens-Apps: „Die Kombination aus schnellen Info-Videos und vertiefenden, digitalen Tools ist der Weg, wie moderne Bildung heute funktionieren kann.“