Uetersen (jhf) Die Ereignisse in der Uetersener Politik überschlagen sich: Nur einen Tag nach dem Rücktritt des umstrittenen Bürgervorstehers Baris Karabacak am Montag, 19. Januar 2026, hat der CDU-Vorstand ihn als Bürgermeisterkandidaten vorgeschlagen. Die CDU-Mitglieder sollen ihn bei einer Vollversammlung im Februar nominieren. “Da der aktuelle Vorstand weiterhin volles Vertrauen in Baris Karabacak setzt, werden wir ihn den Mitgliedern als unsere klare Empfehlung als Bürgermeisterkandidaten vorschlagen”, erklärt der CDU-Vorstand am 20. Januar 2026 in einer Pressemitteilung.
CDU will an gutes Ergebnis bei der Bürgermeisterwahl 2020 anknüpfen
SPD, Grüne, Bürger für Bürger (BfB) Uetersen und FDP kritisierten Karabacaks Amtsführung als Bürgervorsteher und wollten ihn abberufen. Er trat daraufhin zurück. Doch der CDU-Vorstand will Karabacak als Bürgermeisterkandidaten vorschlagen, da er bereits bei der jüngsten Bürgermeisterwahl 2020 einen großen Rückhalt und viel Vertrauen in der Bevölkerung genossen habe. “An diesen starken Rückhalt wollen wir anknüpfen und sind überzeugt, dieses Mal ein erfolgreiches Ergebnis für Uetersen zu erzielen.” Karabacak gelangte damals im ersten Wahlgang mit 27,07 Prozent auf den zweiten Platz hinter Dirk Woschei (SPD), der 29,7 Prozent erreichte. In der Stichwahl setzte sich Woschei mit 62,77 Prozent der Stimmen gegen Karabacak (37,23 Prozent) durch.
Fraktion zeigt Respekt für den Rücktritt
Zugleich betont die CDU, dass sie Karabacaks Rücktritt als Bürgervorsteher begrüßt und respektiert. “Mit diesem Schritt beweist Herr Karabacak große persönliche Stärke und Entschlossenheit: Er stellt das Wohl der Stadt über sein eigenes Amt, um die vielfältigen Emotionen zu beruhigen.” Die CDU hoffe, dass nun Ruhe in die städtischen Gremien einziehe.
Karabacak ist bereit
Karabacak steht in den Startlöchern für den Bürgermeisterwahlkampf. Er sei “auf jeden Fall” bereit zu kandidieren, erklärt er auf Nachfrage der Holsteiner Allgemeine. Der 38-Jährige erinnert an seinen Wahlslogan von 2020: “Ich bin gekommen, um zu bleiben." Bereits nach der verlorenen Stichwahl habe er erklärt, dass er bei der nächsten Bürgermeisterwahl erneut antreten werde. “Dieses Versprechen halte ich auch. Es ist stark, dass der Vorstand mich vorgeschlagen hat und zu mir steht.” Nach seinem Rücktritt als Bürgervorsteher habe er in den sozialen Medien viele positive Reaktionen erhalten.
Karabacak: CDU-Fraktionsvorsitzender ist eher kein Unterstützer
Allerdings räumt Karabacak ein, dass zwar der CDU-Vorstand, aber nicht der gesamte Ortsverband hinter ihm steht. So hatte der CDU-Fraktionsvorsitzende Holger Köpcke im Dezember sowohl eine schriftliche Rüge an den damaligen Bürgervorsteher als auch eine Pressemitteilung unterschrieben, mit der die Fraktionsvorsitzenden ihre Kritik an Karabacak wiederholten. “Herr Köpcke war von Anfang an kein Unterstützer und ist es wohl auch jetzt nicht. Er vertritt keine CDU-Meinung, sondern seine ganz eigene Meinung”, stellt Karabacak fest. Allerdings sitze Köpcke nicht im Vorstand. Die Partei müsse sehen, wie sie mit ihm umgehen werde.
Karabacak wirft Kritikern Schmutzkampagne vor
Die Kritik der Fraktionen SPD, Grüne, Bürger für Bürger (BfB) Uetersen und FDP an seiner Amtsführung bezeichnet Karabacak als Schmutzkampagne. “Ich finde es schade, dass in kleinen Orten so Spielereien gemacht werden. Solche Aktionen verschrecken junge Menschen, die sich engagieren wollen. Junge Menschen fehlen uns in der Politik.”
Kommentar: Vom Regen in die Traufe Mit Baris Karabacak als Bürgermeister käme die Uetersener Politik vom Regen in die Traufe. Vier von fünf Fraktionen in der Ratsversammlung, die 21 von 34 Mandatsträger und mehr als 61 Prozent der Stimmen umfassen, wollen nicht mehr ihm als Bürgervorsteher zusammenarbeiten. Warum sollte die Zusammenarbeit besser werden, wenn er Bürgermeister wird? Auf diesem Posten wird er dafür sorgen müssen, dass die Verwaltung die Entscheidungen der Politik umsetzt. Er wird also in höchstem Maße mit der Politik zusammenarbeiten müssen.
SPD, Grüne, Bürger für Bürger (BfB) Uetersen, FDP und der CDU-Fraktionsvorsitzende Holger Köpcke legten eine lange Liste an Kritikpunkten gegen Karabacak vor: Sie warfen ihm ein eigenmächtiges Auftreten bei der Organisation des Planspiels Politik am Ludwig-Meyn-Gymnasium vor. Dieses Verhalten reihe sich ein „in eine Kette eigenmächtiger Entscheidungen, Auftritte und nicht vorhandener Rückmeldungen und Absprachen sowie der kontinuierlichen Vermischung der Aufgaben im höchstem Ehrenamt der Stadt mit privaten ökonomischen Interessen – und das anhaltend auch noch nach bereits vor Monaten gemeinsam geführter Gespräche.“ Zudem warf er seinen Kritikern Rassismus vor. Letzlich sei dadurch das Vertrauen zerstört, dass Karbacak als Bürgervorsteher die Ratsversammlung repräsentieren und eine Schnittstelle zu den Bürgern darstellen könne.
Sicherlich: Viele Bürgerinnen und Bürger nehmen ihn anders wahr. In den sozialen Medien äußern nicht wenige Nutzer wegen seines Rückstritts Mitleid mit ihm. Der Grund: Er verkauft sich einfach nach außen gut. Aber die für Uetersen wesentlichen Entscheidungen werden nicht bei Instagram oder Facebook getroffen, sondern in der Ratsversammlung.
Übrigens spricht der Umgang der CDU mit ihren eigenen Leuten nicht gerade für diese Partei: Ausgerechnet die kritische Stimme des Fraktionsvorsitzenden Holger Köpcke scheint nicht gehört zu werden. Karabacak beginnt bereits, über diese Personalie nachzudenken. Will die CDU Köpcke absetzen? Nicht zuletzt stößt ein Tipp von Karabacak an die Presse übel auf: Seine Aussage, dass die “Schmutzkampagne” seiner Kritiker junge Menschen verschrecke, richtete er an die Redaktion der Holsteiner Allgemeine. Sollen wir also aufhören, über die Kritik an ihm zu berichten, damit junge Menschen nicht von der Lokalpolitik verschreckt werden?! Ich befürchte, dass das Trump-Zeitalter bald in Uetersen einzieht.
Jan-Hendrik Frank |
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